Eines vorweg: Können wir reden, ohne über das Ende zu reden?
Klar. Nichts zum Ende. Keinen Spoiler. Ok.
Fein. Dann fangen wir mal vorne an: Woher stammte die Idee zu “Donnerstags im Fetten Hecht”?
Die eine, einzige Idee gab es eigentlich nicht. Eher eine ganze Reihe Ansätze, die dann irgendwann zusammen gefunden haben. Die Basis bilden Eindrücke und Beobachtungen aus vielen Reisejahren für Magazine und Buchverlage. Da sammelt sich einiges an, das man in den Reportagen später nicht verwenden kann, aber eigentlich viel zu schade ist, um es einfach vergammeln zu lassen. Ich habe einen Stahlschrank mit Notizbüchern aus mehreren Jahrzehnten, da muss man sich nur eins rausholen und zu blättern beginnen.
Und die Hauptfigur, Siebeneisen?
Den habe ich vor ein paar Jahren erfunden. Damals sollte ich eine Las Vegas-Reportage schreiben, für ein großes Reisemagazin, und als ich dann in Las Vegas war, wurde mir klar, dass über diese Stadt eigentlich alles schon gesagt worden ist. Also wurde aus der Reportage eine Kurzgeschichte, über einen Mann namens Siebeneisen aus Oer-Erkenschwick, der mit seinen Kumpels wettet, dass er aus 1000€ ein Vermögen machen kann. Natürlich gelingt es ihm nicht. In den Jahren danach sind dann noch einige andere Siebeneisen-Stories erschienen, im ADAC Reisemagazin und in der Süddeutschen Zeitung. Im Roman gibt es eine Szene, in der auf genau diese Reisen Siebeneisens angespielt wird, der ansonsten ein ganz ruhiges Leben in Oer-Erkenschwick führt.
Warum denn eigentlich Oer-Erkenschwick? Haben Sie eine besondere Verbindung zu den Stadt?
Ganz ehrlich: Ich war neulich erst das erste Mal dort. Weil ich geahnt habe, dass diese Frage kommen würde. Anfangs habe ich immer nur Erkenschwick geschrieben, dass da ein Oer- davor steht, wusste ich lange Zeit nicht. Das e ist übrigens ein so genanntes Dehnungs-E: Oer spricht sich wie Ohr, wussten Sie das?
Nein.
Sehen Sie. Jedenfalls wurde der Wohnort Siebeneisens auch schon in den Magazin-Reportagen angegeben. Ich habe das dann so gelassen. Dass ich ihn überhaupt da herkommen lasse, ist Zufall. Ich fand, das Wort hat einen interessanten Klang. Erkenschwick. Wahrscheinlich hab ich es anfangs sogar bloß als Platzhalter eingesetzt. Ich mag es nicht, wenn in einem Manuskript, an dem ich schreibe, ständig XXX steht oder XYZ, das stört den Lesefluss beim Feilen am Text. Stattdessen setze ich oft Namen ein, die mir gerade durch den Kopf gehen und hoffe, dass mir später was richtig Gutes einfällt, aber manchmal verselbstständigt sich das dann, und der Platzhaltername bleibt. Der “Fette Hecht” ist noch so ein Beispiel. Bei mir in der Nähe gab es eine Kneipe, die “Zum Heiligen Aal” hieß. Die war Anregung.
Auch bei Ihren Romanfiguren hat man ja manchmal den Eindruck, sie könnten Vorbilder im echten, richtigen Leben haben…
Wissen Sie was: Ich glaube, dass es da keine einzige Nebenfigur gibt, die nicht nach einer realen Person geformt wurde. Irgendwo und irgendwann bin ich all diesen Typen begegnet. Natürlich habe ich bei allen die Namen verändert oder sie an einen anderen Ort versetzt oder eine andere Kleinigkeit verändert. Ein Beispiel: In den Kapiteln, die in Australien spielen, wird irgendwann der Name Shakey Whip erwähnt. Den gibt es wirklich, ganz ähnlich geschrieben, ich bin ihm vor vielen Jahren mal im Outback begegnet, wo der Mann Kultstatus genießt. Unter anderem, weil er immerzu redet. Im Buch macht das Lucky Jim. Ich habe das von der einen Figur auf die andere übertragen.
Und wie ist das mit den Orten? Sind die auch alle echt?
Ja, die allermeisten. Das kleine Königreich Mustang existiert ebenso wie Lafitte’s Blacksmith Shop in New Orleans. Die Forschungstationen in der Antarktis gibt es. Das Schild an der australischen Küste, mit dem Badewillige vor giftigen Quallen, Krokodilen und Haien gewarnt werden. Das Hotel La Reina gibt es auch, das habe ich bloß umbenannt. Und das “Burping Atom” heißt im wirklichen Leben auch anders. Der Name stammt von meiner Freundin, die irgendwann mal meinte, das sei ein guter Name für eine abgedrehte Kneipe: “Zum Rülpsenden Atom”.
Sie haben eine unglaubliche Menge skurriler Details verarbeitet – die sind aber frei erfunden, oder?
Nö. Sehr, sehr viele dieser Beschreibungen beruhen auf tatsächlichen Begebenheiten. Dass die CIA Scharfschützen ausgebildet und am Fallschirm über Mustang hat abspringen lassen, zum Beispiel. Gereizte Nashörner verhalten sich ziemlich genau so, wie im Buch beschrieben. Neugierige Löwen auch. Und die Mannschaft von Shackletons “Endurance” hat sich ihre Zeit im Eis tatsächlich mit Fußballspielen vertrieben – es gibt davon historische Schwarz-Weiß-Fotos. Ein Fußball aus Leder würde in den klimatischen Bedingungen der Antarktis locker hundert Jahre mehr oder weniger unversehrt überstehen, ist aber meines Wissens nie gefunden worden. Wollen Sie noch mehr Details?
Ja, gerne…
Der Cajun-Frühschoppen, bei dem Siebeneisen Lawn kennen lernt, findet an jedem Sonntag in „Fred’s Lounge“ in Mamou statt und wird auf Mittelwelle übertragen. Auch die erwähnten Details sind echt: die Sparringsseile um die Liveband, die tanzenden Senioren und die in Kunstharz gegossene Wells Fargo-Kusche auf dem Tresen. Die deutsche Popband Dschinghis Khan ist tatsächlich in der Mongolei aufgetreten, die sind da sogar ziemlich beliebt. Und Qingdao war tatsächlich einst deutsche Kolonie! ”Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne”, hat Bernhard von Bülow 1897 im Reichstag gesagt. Anschließend provozierten deutsche Missionare einen Zwischenfall, und der Kaiser schickte die Marine nach Tsingtau, so war das damals. Das ist alles belegt. Ob es allerdings einen faustischen Deal zwischen Robert Johnson und dem Leibhaftigen gegeben hat – das weiß natürlich niemand. Dass aber damals aus einem miserablen Gitarristen quasi über Nacht ein begnadeter Bluesmusiker wurde und sich das niemand erklären konnte: ist ebenfalls belegt. Die Kreuzung, an der Johnson und der Teufel ihren Pakt besiegelt haben sollen, liegt übrigens bei Clarksdale im Mississippi-Delta. An der Stelle habe ich die Geschichte etwas weiter gesponnen. Im übrigen ist Siebeneisen ja ein sehr fleißiger Leser von National Geographic – der kennt sich schon ein wenig aus in den bizarren Grenzbereichen der Wissenschaft.
Und Musikliebhaber ist er auch…
Auf jeden Fall. Das ist ein Punkt, den ich vielleicht noch etwas intensiver hätte einbauen sollen. Mehr Lieblingsbands, mehr Lieblingssongs, mit so etwas kann man wunderbar spielen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass Musik im Leben der Leute überall auf der Welt eine Rolle spielt, ganz gleich, wo sie wohnen. Und dass es oft sogar die gleiche Musik ist, die gehört wird.
Wenn man den Fetten Hecht aufmerksam liest, kann man den Eindruck bekommen, Sie seien traurig über die Globalisierung…
Nein. Globalisierung ist ein viel zu großes Wort dafür. Es ist aber schon so, dass ich über das Verschwinden des Eigenen, Besonderen, Typischen ein bisschen traurig bin. Es ist heute doch egal, wo Sie sind: es gibt überall dieselben Klamottenläden und Kaffeeketten. Und es laufen auch überall auf der Welt die gleichen Fernsehserien – in den USA schauen die Leute das gleiche Programm wie in einer Jurte in der Mongolei.
Waren Sie eigentlich an allen Orten, die im Roman beschrieben werden?
Ja. Sonst hätte ich das auch nie so beschreiben können.
Wenn Sie den Roman in einem Satz zusammen fassen müssten: Wie würde der lauten?
Wir hatten als Motto mal nachgedacht über: “Wenn Woody Allen eine Fortsetzung von Indiana Jones drehen würde und Bill Murray die Hauptrolle spielen würde – dann käme “Donnerstags im Fetten Hecht” dabei heraus. Genommen haben wir dann allerdings ein weniger spezielles:
“All das hier ist passiert.
Beinahe.
Aber es hätte passieren können.
Fast.”

